Inflation, Deflation und ihre Bedeutung für Anleger

ARTIKEL 29.05.2020

Starke Inflationen und Deflationen sind nicht vor volkwirtschaftliche Schreckensszenarien, sondern haben ernste Folgen für Investoren. Was bedeuten die beiden Konzepte genau, und werden sie durch die Corona-Krise wahrscheinlicher?


Was ist Inflation?

Eine präzise Definition des Begriffs „Inflation“ gibt es nicht. Grob ausgedrückt beschreibt er einen kontinuierlichen Preisanstieg bei Waren und Dienstleistungen. Häufig wird das Wort „Teuerung“ als Synonym verwendet.


Die Inflation wird mit einem Preisindex gemessen. Dafür erstellen Forschungsinstitute einen „Warenkorb“ mit Waren und Dienstleistungen, die ein Haushalt regelmäßig verbraucht. Die Preise für diesen Warenkorb werden in bestimmten Abständen verglichen. Das Bundesamt für Statistik berechnet monatlich den „Verbraucherpreisindex“, der anschließend als „offizielle“ Inflationsrate für Deutschland veröffentlicht wird.



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Für Privatpersonen und Unternehmen ist eine Inflation folgenreich, denn ihr Geld verliert an Kaufkraft. Einfach ausgedrückt: Für dieselbe Menge an Geld können sie weniger kaufen als zuvor.


Bei einer Diskussion über Inflation müssen jedoch mehrere Dinge beachtet werden. Zunächst einmal muss geprüft werden, ob Privatpersonen insgesamt an Kaufkraft verlieren, d.h. effektiv ärmer werden. Das hängt davon ab, ob die Preise für Waren und Dienstleistungen schneller steigen als Löhne und andere Einnahmequellen.


Außerdem steigen selbstverständlich nicht alle Preise gleichmäßig. So wachsen die Immobilienpreise vielerorts seit Jahren stark, während die Energie- und Heizungskosten in manchen Jahren sogar gesunken sind.


Immer wieder sind dabei übergeordnete Trends sichtbar. So weisen viele Experten darauf hin, dass Vermögenswerte wie Aktien und Immobilien in der letzten Dekade deutlich mehr im Wert gestiegen sind als Konsumgüter des täglichen Verbrauchs.


Welche Ursachen kann Inflation haben?

Es gibt verschiedene Faktoren, die eine Inflation erzeugen können:


  • Von einer „Angebotsinflation“ spricht man, wenn die Preise für Rohstoffe, Löhne und/oder Lohnnebenkosten steigen. Unternehmen müssen nachziehen und auch die fertigen Produkte und Dienstleistungen teurer machen.
  • Eine „Nachfrageinflation“ entsteht, wenn die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistung das Angebot übersteigt. Können in dieser Situation nicht mehr Waren und Dienstleistungen produziert werden, steigen die Preise. Diese Form der Inflation tritt beispielsweise in Hochkonjunkturphasen mit Vollbeschäftigung auf.
  • Von einer „importierten Inflation“, ist die Rede, wenn inflationäre Tendenzen durch die Wirtschaft anderer Länder bedingt sind. Das kann z.B. der Fall sein, wenn Importgüter wie Öl und Stahl teurer werden.
  • Auch eine Erhöhung der im Umlauf befindlichen Geldmenge kann zur Inflation führen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Wirtschaft der Weimarer Republik, als der bankrotte deutsche Staat massiv Geld drucken ließ, um seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.


Das aktuelle Bankensystem führt tendenziell dazu, dass die im Umlauf befindliche Geldmenge steigt. Denn Banken müssen nicht das gesamte Einlagenkapital eines Kunden „vorrätig halten“, sondern können immer einen großen Teil davon weiterverleihen.


Wenn eine Bank einen Kredit vergibt und der Kreditnehmer das Geld ausgibt, wird das Geld in der Regel zur Einlage bei anderen Banken und kann wieder verliehen werden.



Was ist Deflation?

Deflation ist das Gegenteil von Inflation. Der Begriff beschreibt ein kontinuierliches Absinken der Preise für Waren und Dienstleistungen.


Effektiv steigt dadurch die Kaufkraft, d.h. die Summe an Waren und Dienstleistungen, welche mit einem bestimmten Geldbetrag gekauft werden können. Privatpersonen profitieren also zunächst, wenn es zu einer Deflation kommt.


Trotzdem ist eine anhaltende Deflation ein volkswirtschaftlich fatales Szenario, das die meisten Regierungen unbedingt verhindern möchten. Denn mit den Preisen sinken in der Regel auch die Umsätze der Unternehmen, die Güter und Dienstleistungen produzieren. Das kann langfristig zu sinkenden Löhnen und steigender Arbeitslosigkeit führen.


Welche Ursachen kann eine Deflation haben?

Eine Deflation entsteht, wenn die im Umlauf befindliche Geldmenge sinkt. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn Banken kaum noch Kredite ausgeben und bestehende Darlehen nach und nach getilgt werden.


Der gleiche Effekt entsteht, wenn Privatpersonen vermehrt sparen, anstatt Waren und Dienstleistungen zu erwerben.


Ein volkswirtschaftlich besonders gefürchtetes Szenario ist die „Deflationsspirale“. Eine sinkende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen führt dazu, dass viele Privatpersonen wirtschaftlich bedroht sind. Sie müssen mit Lohnkürzungen und Entlassungen rechnen. Als Reaktion sparen sie vermehrt, was wiederrum die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen senkt.


Welche Folgen haben Inflation und Deflation für Anleger?

Eine Inflation führt zunächst dazu, dass niedrig verzinste Sparguthaben sowie Tages- und Festgelder an Kaufkraft verlieren. Auch Anleihezinsen sind in der Regel nicht inflationsgebunden, wodurch die von ihnen repräsentierte Kaufkraft sinkt. Eine Ausnahme davon sind inflationsindexierte Anleihen.


Sachwerte dagegen gewinnen potenziell an Wert, darunter auch Aktien. Ihre Preise passen sich oft an die Inflation an. Aber: Hier gibt es keinen „sicheren“ Zusammenhang. Wenn die Nachfrage nach einem Sachwert sinkt, kann der erzielbare Verkaufspreis trotz starker Inflation fallen.


Eine Deflation hat gegenteilige Effekte. Festverzinsliche Geldanlagen wie Tagesgeld, Festgeld oder Staatsanleihen werden attraktiver. Selbst wenn ihr Zins bei null liegt, gewinnt ihr Nominalbetrag durch die Deflation an Kaufkraft.


Die potenziellen Verlierer bei einer Deflation sind dagegen Sachwerte wie Aktien und Immobilien. Unternehmen verzeichnen sinkende Gewinne, was die Aktienkurse drückt. Die Immobilienpreise und Mieten müssen nach unten angepasst werden. Durch die Attraktivität von festverzinslichen Wertpapieren schichten einige Anleger ihr Portfolio um, sodass die Nachfrage nach Sachwerten zusätzlich sinkt.


Corona-Krise: Steht die große Inflation bevor?

Die Antwort lautet – wie so oft im Finanzbereich: „Das kann nicht seriös prognostiziert werden.“ Es gibt Argumente dafür und dagegen.


Experten, die eine Inflation erwarten weisen darauf hin, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bereits vor der Corona-Krise jahrelang eine sehr aktive Geldpolitik betrieben hat. Mit niedrigen Kreditzinsen und Strafzinsen für Bankeinlagen sollte die Kreditvergabe von Privatbanken angeregt werden.


In der Corona-Krise werden nun weiter günstige Kredite ausgegeben, um die Wirtschaft instand zu halten. Die Staaten des Euro-Raumes müssen sich für diverse Hilfsmaßnahmen ebenfalls sehr viel Geld leihen. Als „logische Folge“ dieser Entwicklungen wird prognostiziert, dass die Geldmenge im Markt ansteigen muss – eine klassische Ursache von Inflation.


Auf das Argument, dass die EZB-Politik bisher nicht zu einer starken Inflation geführt hat, wird häufig die Theorie einer „Ketchup-Inflation“ entgegnet. Wie bei einer Ketchup-Flasche, die zu festgedrückt wird, könnte die Inflation erst nur „tröpfchenweise“ und dann in einem großen „Schwall“ auftreten. Plötzlich, so die Prognosen, könnten Inflationsraten von 5 % bis zu 10 % auftreten.


Gegner dieser Position weisen darauf hin, dass die EZB ist nur einen begrenzten Einfluss auf die Geldmenge des Euro-Raumes hat. Das größte Kreditvolumen wird von Privat- und Genossenschaftsbanken vergeben. Diese sind im Zuge der Krise restriktiver geworden und geben weniger Geld aus, anstatt die Kreditvergabe aufzustocken. Auch Privatanleger fühlen sich durch die unsichere Situation bedroht und möchten sparen, anstatt große Anschaffungen zu tätigen.


Wirtschaftskrisen, so das Argument, führen deshalb typischerweise zu einer Deflation und nicht zur Inflation. So können die zahlreichen Rabattaktionen, mit denen Unternehmen auf die Corona-Krise reagierten, ebenfalls als deflationäre Tendenz gedeutet werden.


Wie aber kann es sein, dass trotz der langfristigen EZB-Politik keine signifikante Inflation entsteht? Ein volkswirtschaftlicher Erklärungsansatz ist die „Modern Monetary Theory“ (MMT).


Nach dieser entsteht Inflation erst dann, wenn die Wirtschaft eine wachsende Geldmenge nicht absorbieren kann, d.h. wenn die Summe der Produktivität eines Landes nicht steigt. Das ist beispielsweise der Fall, wenn Vollbeschäftigung herrscht oder die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen ausgereizt ist.


Im Beispiel der Weimarer Republik stieg die Geldmenge so schnell, dass die Produktivität nicht entsprechend erhöht werden konnte. Bald gab es keinen materiellen Gegenwert mehr für das neu in den Umlauf gebrachte Geld.


Drohende Inflation: Lohnt es sich jetzt, Investment-Schulden aufzunehmen?

Jede Krise bietet auch Chancen. So kursiert beispielsweise die Idee, dass Privatpersonen mit Investment-Schulden von einer drohenden Inflation profitieren können. „Investment-Schulden“ bedeutet dabei konkret: ein Darlehen, mit dem Sachwerte gekauft wurden.


Die Idee basiert auf folgendem Gedankengang: Zins und Tilgung eines Darlehens bleiben trotz Inflation in der Regel gleich. Damit repräsentiert die Schuld immer weniger Kaufkraft. Die Inflation trägt damit effektiv zur „Entschuldung“ bei.


Am Extrembeispiel der Weimarer Republik wird das klar: Wer beispielsweise 1922 einen 1-Millionen Mark Kredit für einen Hauskauf aufnahm, war die Schuld 1923 spielend wieder los. Nach Beginn der Hyperinflation reichte die Summe nicht einmal mehr aus, um einen Brief zu frankieren.


Sachwerte, so der Gedankengang, gewinnen mit der Inflation dagegen an Wert. Sie repräsentieren einen „materiellen Wert“, weshalb der Besitzer den Verkaufspreis in Abhängigkeit zur Inflation erhöhen kann. Gab es in den Jahren nach einem Immobilienkauf 10 % Inflation, dann kann der Besitzer versuchen, seine Immobilie ebenfalls 10 % oder noch mehr über dem Kaufpreis zu veräußern.


Ist die Argumentation korrekt? Nur teilweise. Selbst wenn die erwartete Inflation eintritt, ist Vorsicht geboten. Eine „Entschuldung“ durch Inflation funktioniert nicht ohne Weiteres - sie hängt davon ab, ob die Einnahmequellen des Schuldners analog zur Inflation steigen. Bleiben sie gleich oder sinken sie sogar, profitiert er nicht vom „Entschuldungseffekt“.


Eine solche Situation ist jedoch denkbar. Geht die Inflation mit einer verschärften Wirtschaftskrise einher, sind Insolvenzen, Entlassungen und Mietausfälle wahrscheinlich. Auch die Sachwerte selbst könnten an Wert verlieren, weil immer weniger Privatpersonen sich größere Investments leisten können.


Zusammenfassend scheint klar: Die Strategie kann aufgehen, ist aber risikoreich. Wenn ein Privatanleger nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes noch Investment-Schulden bedienen muss, kann ihn das in eine schwierige persönliche Lage bringen.


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